Samstag, 31. Januar 2026

WO SIND DIE MEISEN IN DER NACHT?



Die Meise ist ein Vogel. Der Vogel kann fliegen. Das macht er recht gut.
Der Mensch starrt aus dem Fenster. Er kann nicht fliegen. Dafür grübelt der Mensch. Wo sind die Meisen in der Nacht? Sie schlafen vielleicht. Oder hören ASAP ROCKY. In einer kleinen Mulde wiegen sich ihre Köpfe. Der Mensch denkt nach. Mit der Dunkelheit kriecht auch das Traurige aus allen Verstecken. Der Mensch überlegt. Wo sind aber die Meisen in der Nacht? In einem kleinen Erdloch vielleicht. Oder zu Besuch beim Zaunkönig. Dort wird noch ganz leise gezwitschert. Damit der Mensch im Würgegriff der Stille ungestört Trübsal blasen kann.

Dienstag, 27. Januar 2026

TABLETTEN-SCHORSCH.



... ließ eine rundliche ALKA SELTZER in den frisch gebrühten Italo-Espresso plumpsen und rührte mit dem kleinen verhorntem Finger in der rabenschwarzen Brühe, bis sich das kleine Ding vollständig aufgelöst hatte. In dem winzigen Café an der verlotterten Stadtgrenze, fummelte sich die träge gewordene Inhaberin Birgit ihre vernachlässigte Morgenfrisur zurecht, als Tabletten-Schorsch wie aus dem Nichts folgenden Satz zum Besten gab: „Die Dosis macht das Gift“.
Birgit nuschelte erwidernd - noch mit einer silbernen Haarklammer im Mund: „Da sagst du was“ und steckte ein fettes Bündel Haare zu einer Art schiefem Turm zusammen. Draußen räumten sie den frisch gefallenen Schnee von der Straße und die orangenen Lichter der Räumfahrzeuge spiegelten sich blinkend in der verklebten Dunstabzugshaube hinterm Ausschank.

Sonntag, 25. Januar 2026

BUCHTIPP!



GOLDSPUR DER GARBEN

Tschingis Aitmatow
Roman
109 Seiten

Eigentlich müsste ich nach dem Lesen dieses schmalen Büchleins heulen ... nicht weinen ... sondern ohne Hemmungen losheulen! Was hat sich Aitmatow nur dabei gedacht, einen solch tieftraurigen wie kummervollen Roman zu schreiben? Ganz ohne jeden Zweifel ist es für mich persönlich ein Anti-Kriegs-Buch.

Da ist auf der einen Seite das prall gefüllte Leben aus harter schwerer Arbeit, Aufbau, Plänen, Träumen, Kindern, Familie, Zukunft, Ideen, Fantasie, Liebe - bis das der unverhohlen aufspielende Krieg alles - ja wirklich alles in sich erstickt und zunichte macht. In diesem Buch und einer Zeit um den zweiten Weltkrieg herum. Und all das ist bis zum heutigen Tag im Jahr 2026 blank polierte wie gebliebene Realität ... in der Ukraine beispielsweise ... Sterben und sterben ... Hinterlassen und hinterlassen ... ungezählte Tränen, keinerlei erfüllte Hoffnungen ... kein Flehen und Betteln hilft, kein Zufall und kein Gott: Nein! Wirklich nicht! Und exakt diese klaffende Wunde bearbeitet Aitmatow auf seine menschliche Weise.

Wie viel Verlust, wie viel Traurigkeit und Leid vermag ein Mensch zu ertragen? Die alte Frau erzählt ihrem Feld davon und erhält auch Antworten. Ihr ganzes Leben breitet sie noch einmal vor ihm aus ... dem treuen Acker ... eine Art von Leben das so nur schwerlich ertragbar ist. Aitmatow unterlässt es dabei von vornherein, Gott eine Existenz einzuräumen ... gar von Gebeten oder nachfolgenden Wundern zu berichten. Es kann sie leider nicht geben - denn jede noch so kleine aufkeimende Hoffnung wird vom nächsten Peitschenhieb zerschlagen. So bleibt der lieben alten Frau nur ein einziges Überbleibsel ... ein Enkelkind ihrer über alles geliebten Schwiegertochter, welche bei einer dramatischen Geburt ihr Leben ließ. Vor ihr verlor die alte Frau bereits ihren Mann und alle drei Söhne an der Front.

Das Buch ist umhüllt von blanker Verzweiflung, tiefster Trauer und beschreibt alle Last die ein langes Leben durchaus auch bereit halten kann. Es ist schwer diesen Roman zu lesen und danach sich in einem Schlaf einzufinden. Aber dank Aitmatow besitzen die Zeilen ein sehr hohes Gut an Würde und ich bin dankbar es gelesen zu haben.

Dienstag, 20. Januar 2026

DIE TEXTAUFGABE.



Wenn die Technik veraltet, wenn der Baum sich schüttelt und sein Blätterwerk abgibt, wenn der Bart ins Graue übergeht, wenn das alte Haus in sich zusammenfällt, wenn der Wagen liegen bleibt, wenn ein Zeugnis alles besiegelt, wenn die Urne sich senkt, wenn die Bahnstrecke stillgelegt wird, wenn Großvater ein letztes Mal seufzt, wenn die Tränen getrocknet sind, wenn der Leichenwagen über die Dorfstraße holpert, wenn das Kinderspielzeug verstaubt, wenn im Flacon nur noch die Leere gähnt, wenn die Luft raus ist, wenn die Schwestern und Ärzte überm Krankenbett flüstern, wenn das Wasser in der Vase verdunstet ist, wenn der Laden für immer schließt, wenn die Scheidung amtlich ist, wenn das Grab frisch ausgehoben wurde, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wenn der Flieger senkrecht fällt, wenn die Felder brach liegen, wenn die Stille versteht zu brüllen, wenn der Frieden sich ergibt, wenn die gute Laune abgelaufen scheint, wenn der Schimmel alles übernimmt, wenn der Kapitän das Schiff verlässt, wenn der Pfarrer sich in der Scheune aufknüpft, wenn die Löcher in den Socken nicht mehr gestopft werden, wenn die Lust in Gier übergeht, wenn die Zeit zu Staub wird, wenn sich unsere Hände loslassen, wenn sich alle Farben ins Negative verwandeln, wenn Kerzen sich nicht mehr entzünden lassen, wenn auf die Tischdecke keine Flecken mehr passen, wenn mein Blick ins Leere fällt, wenn die Rosen nicht mehr riechen, wenn die Tiere den Hass entdecken, wenn die Fahrt kein Ende nimmt, wenn sich Holz nicht spalten lässt, wenn der Zufall es nicht will, wenn das Sieb keinen Durchlass mehr kennt, wenn kein Weg vorbei geht, wenn die Berge zu Wasser werden, wenn ein Echo nie mehr verstummt, wenn das letzte Hemd nicht existiert, wenn am Ende der Schlange kein Ende in Sicht ist, wenn Bücher sich nicht öffnen lassen ...

---


Geradezu fassungslos hielt die zerbrechliche Deutsch-Lehrerin Frau Iris Kraake das Blatt Papier zwischen ihren schmalen Fingern. Die Klasse 6a hatte ursprünglich die Aufgabe, aus der Anfangszeile „Wenn die Technik veraltet ...“ eine literarisch passende Fortführung zu verfassen. Natürlich unter Einbezug aller grammatikalischer wie orthographischer Gesetzmäßigkeiten. Auch das würde selbstverständlich benotet werden. Aber was hier der Schüler Yves Galenskij zusammengeschrieben hatte, das hatte sie so noch nie zu Gesicht bekommen. Sie las das Geschriebene ein zweites, drittes und viertes Mal und schließlich rollte ein Tränchen aus dem einen und kurz danach dem anderen Auge. Zwischen Fassungslosigkeit und Rührung bebte ihr schlanker Körper, hob und senkte sich ein zart gezeichneter Busen und schlug das Herz wie nach einer Hatz. SO konnte sie das nicht benoten, nicht beurteilen, nicht richten oder korrigieren. Frau Iris Kraake küsste das Geschriebene und faltete es solange es ging ... insgesamt sechsmal und schnürte das kleine Päckchen mit einem grauen Garn. Sie wog das Mini-Bündel in ihrer blassen Hand und legte es schließlich in eine kleine alte Schatulle aus Kirschholz. So lag es gut, war aufgehoben und doch von der Bildfläche verschwunden. Die Werke der anderen Schüler zerschnitt sie fein säuberlich mit der alten Nähschere und streute die Schnipsel in die riesige Papiertonne. Später schwieg sie über Wochen die Zensuren einfach weg - bis auch der letzte Schüler nicht mehr an eine Bewertung glaubte und wohl insgeheim auch froh darüber war. Nie - wirklich nie wieder ließ Frau Iris Kraake ihre Schüler und Schülerinnen eine derartige Aufgabe bearbeiten. Yves Galenkij wurde viele Jahre nach seiner aktiven Schulzeit nicht mehr und nicht weniger als ein liebevoller Kümmerer in der Gärtnerei eines Friedhofes.

Samstag, 17. Januar 2026

JAZZ! ALTER MANN!



THE OSCAR PETERSON TRIO macht Jazz alter Mann! Aufreizend vulgär sinkt die Nadel ins Gerillte und beginnt mit dem „Night Train“ von Duke Ellington. Locker flockig und leicht klimpert das Piano in die schwüle warme Nacht hinein. Vereinzelte Junikäfer wummern immer wieder an die erleuchteten Fenster meines Arbeitszimmers, erbeten damit Einlass in irgendeinen vermuteten Zustand des Glücks. Der schlanke Hals eines Supermarkt-Bieres biedert sich an und erzwingt schließlich ein leichtes Rauschen in der Hitze des Gefechtes. Zärtlich streichelt das kurz gehaltene „Georgia on my mind“ über meine aufrecht stehenden Rückenhaare, der Wolf wird heute keine Lämmer mehr reißen - es kann alles so schön unwirklich sein.

Jazz alter Mann, so alt und ehrlich wie der graue Bart in meinem müden Gesicht. Die Anziehungskraft der Erde nimmt täglich zu. Rapider Verfall mit deutlichen Spuren. Krise an Krise verfängt sich in einem unsortiertem Kopf - die Musik heizt diesen chaotischen Zustand nur noch zusätzlich an. Während der Film für jeden sichtbar gerissen scheint, marschiert der „Moten Swing“ unsensibel durch die leeren Säle des sinkenden Schiffes. Wie herrlich pathetisch und trübe! Was für ein Durcheinander! Jetzt kann ich hier im Moment nichts mehr für sie tun, bitte konkretisieren sie ihre Absichten und gehen fürs erste ihrer zahlreichen Wege. Jetzt habe ich geschlossen. Die Musik braucht mich.

Jazz alter Mann, lässt sich nicht auf leichte Schulter nehmen. Da ich nur die Hälfte von alledem verstehe, muss ich nun gut zuhören und mir alles merken. Jedes Gefühl benötigt seinen ganz eigenen Ort der Geborgenheit. Das kann wie bei „The Honeydripper“ durchaus zur Tortur werden. Mein Kopf rüttelt die 2:25 Minuten im Vollrausch durch. Gut gemacht Joe Liggins Jr., guter Junge, frohgemut und optimistisch mitten hinein in die Atemlosigkeit. Die Töne schwollen wie heiß gewordene Narben und erzählen in einer Tour von verträumten Sehnsüchten. Der kleine zarte Mensch mutiert zu erschreckender Größe, versteckt sich plötzlich hinter viel zu klein gewordenen Bäumen und beginnt sich selbst zu suchen. Oscar Peterson am Piano, Ray Brown am Bass und Ed Thigpen an den Drums.

Jazz alter Mann, du weißt was ich meine ... trinken wir alles zur Neige, alles was sich noch im Hause finden lässt. Still hocken wir nebeneinander her, wippen mit den Köpfen zu einem formidablen „Band call“ und lassen uns ordentlich gehen. Könnte diese Nacht vielleicht nur ein einziges mal kein Ende finden? Die Sonne würde gerade jetzt stören. Mit dem Licht begibt sich die Realität immer auf die Suche nach dem schlechten Gewissen. Das ist hier und heute einmal außer Kraft gesetzt und damit geht es dem geneigtem Zuhörer auf eine furchtbare Weise zu gut. Lassen wir „Hymn To Freedom“ also auf uns wirken und selig die Flaschen kreisen. So jung kommen wir uns in diesem Leben nie wieder so nah. Das warme Raunzen der Langspielplatte mischt sich auf eine durchaus gütige Weise in unseren Alltag ein.

Jazz alter Mann, das sind auch 2:49 Minuten „Volare“! Peter tritt die Fülle der leeren Flaschen einmal quer durch den muffigen Raum. Wir wissen uns nicht zu helfen, sind immer Kleinkinder geblieben, mit wichtigtuerischen Gesichtern und gegerbten Erfahrungen. Lass uns diesen Abend den Anschluss verlieren, alle Züge und Boote, Busse und Flieger, Taxis wie Bahnen greifen uns nicht mehr auf. Wir verharren in unserer seltsam anmutenden Starre und versuchen uns mehr und mehr am Gleichgewicht. Der unausweichliche Streit um die nächste Platte mündet in LITTLE STEVIE WONDER und „I call it pretty music but the old people call it the blues“. Peter spricht spontan Lobhudeleien aus, ganz so, als hätte er den Musiker auf eigene Faust gerade erst entdeckt. Das finde ich unangemessen und peinlich.

Jazz alter Mann, ist das aber nicht mehr! Hier singt und klatscht ein 12 jähriger blinder Junge angenehm frühreif zu herrlich pubertären Songs wie „Don‘t You Know“. Wir schlagen uns begeistert die Hände vors Gesicht und feiern unsere rötlichen Wangen! Wie geil! Hier will keiner mehr nachgeben. Im Kühlschrank holen sich die restlichen Flaschen keinen Schnupfen mehr. Lied um Lied wird verklärt und in den Himmel erhoben. Das leisten wir uns - pfeifen auf das Gekicher all jener, die uns einfach nicht verstehen mögen. Junge Anarchisten in alten Vasen oder so ähnlich. Das System machen wir uns zu nutze und schon funktioniert Ideologie auf steinigen Wegen. Stevie Wonder, du alte Rakete und Botschafter der Liebe! Wir trinken auf den Jazz und deine Jugend! Aus allem hast du das Beste gemacht: „Hallelujah I Love Her So“!

Uns wird schwarz vor Augen.

Donnerstag, 15. Januar 2026

NACHT.



Nicht müde, nicht müde -
Kann nicht schlafen.

Nicht müde, kann nicht schlafen -
Nicht müde.

Kann nicht schlafen, kann nicht schlafen -
Bin überhaupt nicht müde!

Die Umrisse meines Lebens -
verlieren nicht an Schärfe.

In dieser Nacht wird nichts vergeben -
der Mond mimt heut den Folterknecht.

Der Körper kommt nicht in Gleichklang -
es quält mich die Erkenntnis.

Nicht müde, nicht müde -
Kann nicht schlafen.

Dienstag, 13. Januar 2026

TRIO.



Steffen packte das Lenkrad seines Kleinbusses herzhaft mit beiden Händen und starrte in das Scheinwerferlicht der entgegenkommenden Wagen ... stierte angestrengt in den Wirbel der Schneeflocken ... in all die Bewegungen eines winterlichen Zaubers hinein ... hier auf der Ausweichstraße zwischen den totgeschwiegenen Ortschaften. Er hatte ordentlich einen sitzen und die Fusel-Fahne belegte den gesamten vorderen Teil des Personenbeförderungswagen. Die kurvenreiche Straße kannte Steffen aus dem FF und wie von selbst schwang sich sein müde gewordener Körper in die Biegungen ... wiegte sich im Gleichtakt der Fliehkräfte und sorgte damit für den einen oder anderen ungeplanten Sekundenschlaf. Der Bus schien den Weg zu kennen und die kraftvollen Finger unterstützten ihn bei der Navigation. Steffen hatte alles im Griff, die Fahrgäste waren sicher und ein bleich gewordener Mondschein schaffte es hin und wieder durch die Dichte Decke der Wolken.

Szenenwechsel. In Jürgens linkem Hodensack war heute ein ganz leichtes, eher vorübergehendes Piksen zu spüren. Ein sehr feiner für den Bruchteil einer Hundertstelsekunde vernehmbarer Stich. Nicht mehr und nicht weniger. Jürgen machte immer viel mit seinem kleinen Freund da unten ... es ging oft hoch her und jeder Handgriff saß. Man kannte und schätzte sich. Aber gerade jetzt verunsicherte ihn das eigenartige wie unangenehme Gefühl ... irgendetwas stimmte nicht. Er bekam etwas Angst und langte instinktiv wie routiniert nach unten ... wog den müden Sack sorgsam in seiner Rechten und verpasste ihm eine kleine liebevolle Streicheleinheit. Bitte bitte kein Krebs - so dachte er ganz menschlich und etwas panisch ... bloß nichts Schlimmes, nur keine dreinschlagende Horror-Diagnose. Jürgen hasste mehrstöckige Bettenhäuser. Er mochte auch keine niederschmetternden Visiten von kerngesunden Chefärzten. Ruhig Luft holen! Eine Nacht drüber schlafen und das Schicksal machen lassen ... in der Hoffnung auf einen reinen Zufall, eine organische Ungereimtheit oder sowas in der Art. Mit dieser Taktik hat die Nacht bisher alles heilen können. Jürgen war ein gutgläubiger Mensch. Das war nicht verkehrt.

Szenenwechsel 2. Christina lag noch sehr sehr lange wach. Die tote Tante war nicht ganz von allein die uralte Wendeltreppe hinabgestürzt. Mit ihren letztlich gemessenen 130 kg verteilt auf einem Meter fünfzig benötigten die Fliehkräfte nur eine ganz sanfte fast zärtliche Nachhilfe. Christina errechnete mathematisch ihren Eigenanteil an dem polterndem Fall über vierzehn Stufen. Die tote Tante war am Vormittag noch einkaufen. In ihrem Wagen lagen Stiegen mit Sahnepudding, 2 kg eingeschweißte Asia-Pfannen-Nudeln, Schmelzkäse, vier Stück Butter, Croissants zum Aufbacken, Scheibenwurst, vier große Dosen Königsberger Klopse, zwei Familienpackungen Dreierlei-Eis, zwei mal zehn Stück Milchschnitten, drei Tüten gesalzene Erdnüsse, 2 Flaschen Eierlikör sowie zwei mal zwei Packungen Tiefkühlpizza vom Typ „Hawaii“. Das Leben wird einen Anfang haben und sich eines lieben Tages zu einem plötzlichen Ende entschließen. Die tote Tante spürte auf dem obersten Absatz der Treppe noch die zwei Finger auf ihrem Schulterblatt ... auch während des Abgangs grübelte sie innerhalb einer Sekunde noch über den Zweck dieser leichten Berührung. Dann krachte sie einmal auf die Stirn, überschlug sich und zertrümmerte mit ihrem Hinterkopf die alte Fußbodenfliese am Eingangsbereich.

Steffen tastete Jürgens Hoden ab, spielte mit den kleinen Bällchen, verglich mit seinem Hoden und konnte keine gravierenden Unterschiede ausmachen. Es war eine hochnotpeinliche Situation - aber Jürgen ging auf Nummer Sicher und bat seinen alten Freund um diesen außergewöhnlichen Dienst. Steffen wusch sich noch gründlich die Hände, als er die Vibration seines Feuerwehr-Piepers spürte. Einsatz. Nach zwei Herren-Gedecken, vier spendierten Schnäpsen von Jürgen und den Bieren nach der Bus-Schicht gar nicht so leicht sich zu motivieren. Aber einer musste ja den Feuerwehr-Einsatzwagen lenken und nur er hatte dafür den entsprechenden Lappen. Eine Stunde später rammelte er Christina im Haus der Toten Tante. Sie kannten sich aus alten Schultagen und es überkam sie aus alter Verbundenheit. Dreißig Jahre nach der 10. Klasse kam es zum Äußersten und die Geilheit aus alten Tagen überkam sie wie ein Lauffeuer. Sie machten fast die ganze Nacht durch und Christina dachte dabei die ganze Zeit an Süßigkeiten. Streng genommen wollte sie der Tante ja doch helfen ... sie festhalten ... aber daraus wurde ein kleiner Schubser. Steffen hauchte ihr lallend mit einer mörderischen Fahne „ich liebe dich“ ins Ohr. Das würde er morgen in der nüchternen Frühe wieder vergessen haben.

Samstag, 10. Januar 2026

GRAF PORNO.



Peter verflucht ein ums andere mal die viel zu bunten Bilder und greift dann doch immer wieder sehnsüchtig auf sie zurück. In einer Art Entschuldigung meint er leicht verlegen, irgendetwas müsse sich ja ein guter Mann gönnen. Peter mag die reifen und üppig gebauten Damen und er schmiegt sich unverblümt in ihre einladenden Schöße. Für kurze Momente fühlt sich das immer wundervoll an - bringt aber am erschlafften Ende immer nur die eine Erkenntnis: Der Traum ist einmal wieder aus!

Der Sommer kommt auf klingenden Stöckelschuhen, dreht sich aufwendig im Kreis und lässt seine geile Hitze fließen. Feinste Stoffe wehen sanft durch laue Abende, Gläser klingen leise, vorsichtiges Lachen wechselt mit dem Gemurmel der vollen Gassen. Aus einem Sektglas platzen die Bläschen heraus und benetzen Nase wie Mund - für einen kleine Sekunde glaubt Peter an den Hauch seiner einzigen Chance. Er nimmt sie zu sich auf und fixiert einen langen Anlauf.

Am offenen Schlafzimmerfenster lehnt ein reichlich behaarter Hintern. Die ewige Marlboro schlängelt sich leicht qualmend davon und Peters Füße spielen miteinander. Müde baumelt etwas zwischen den Beinen, kraftlos hängt die Muskulatur an Armen wie Beinen und träge wandern die Gedanken hinüber zum Bett. Der Rest ist Leere, Niederlage und schließlich Verlust. Peter meint nur desillusioniert, es hat nicht sollen sein. Die Frau ist einfach weg und kommt wohl auch nie mehr wieder.

Purer Hochglanz der Neunzigerjahre, festes gestrichenes Papier mit einem satten Farbauftrag! Die Säfte sammeln sich! Blond gelockt und die Reife einer zuckersüßen Aprikose gleich, ein Hintern so wunderschön groß wie der stumme dumpfe Vollmond! Peter zittert und zappelt sich mitten hinein ... in einen Moment vibrierender Erschütterungen ... und ganz nah, zum plötzlichen Greifen in augenblicklicher Reichweite ... lacht ihn Graf Porno auf dem Gipfel der Gefühle einmal wieder aus und entlässt ihn in die Dürre einer teilnahmslosen Finsternis.

Dienstag, 6. Januar 2026

DER TEPPICH.



Der gute Teppich hat wohl alles gesehen und
brav ertragen jeden üblen Streit -
die reine Liebe gespürt -
den achtlos verschütteten Wein
schwermütig in sich aufgesogen.

Bearbeitet von gierigen Saugern
bekrabbelt und betreten
in kalten Wintern im Schnee gebadet
und vom wilden Frost erstarrt.
Der Teppich hat wirklich alles gesehen.

Jahr um Jahr allem standgehalten -
mit feinster Schönheit geglänzt
abgelesen all die Krumen
öffentlich böse verprügelt
über der Wäschestange im Hof.

Der Teppich hat alles gesehen
und so wird es immer bleiben.
Füße liebevoll streichelnd
und Augen erinnern lassen.
Niemand wird sich je an dir vergreifen!

Sonntag, 28. Dezember 2025

2026 IN ALLER RUHE.



Natürlich hat der liebe gute Peter seine schneeweiße Davidoff-Gold bis zum äußersten Rand des Filteransatzes tief in sich hinein gesogen - und dann hat er auch wie immer seine fast geleerte Holsten-Edel-Bierdose kurz vor dem letzten Schlucken vorsichtig geschüttelt ... als sei da noch irgendwelches kostbares Fruchtfleisch drin, welches keinesfalls zurückbleiben dürfe. Peter hat eben seine unverrückbaren Angewohnheiten und knallharten Prinzipien. Er ist ein durchaus greifbarer Mensch.

Peter meint beispielsweise immer, das neue Jahr kann nur besser werden als das alte. Es würde sich einiges an positiven Überraschungen ergeben und auch vieles zum Guten verändern. Während er mir das eindringlich vermittelt, schaut er wie ein altes Staatsoberhaupt über das kirre Chaos seiner Bude und klopft sich dabei die nächste Kippe aus der goldenen Umverpackung mit dem ausdrücklich warnenden Foto. Seine Potenz ist ihm längst egal geworden.

Du sollst lesen! Dann ist endlich mal Ruhe - alter Satansbraten! Das Jahr 2026 lädt dich, lieber Peter, zu innerer Einkehr ein! Das bedeute ich ihm, das versuche ich erneut zu vermitteln. Peter tut sich sehr schwer mit der Leserei. Er blättert maximal in Zeitungen und schüttelt gern dabei seinen Kopf. Damit füttert er seine stetige Unruhe und der innere Frieden gerät zu oft ins Wanken. All die schlimmen Dinge ... Mord und Totschlag, Krieg und Korruption, ein ganz übler Haufen von Diktatoren, Milliardären und so weiter und so fort.

Lesen - das ist innere Windstille! Lesen ist auch im besten Falle eine großartige Verbrüderung zwischen einem ernsthaften Autoren und der eigenen Wenigkeit. Plötzlich sind da Linien von einem Hirn zum anderen ... die Vorstellungskräfte versammeln sich im Zirkuszelt der Fantasie. Lesen hält am Leben, es bindet und bündelt einen wahrhaften Frieden und erlaubt immer wieder auch unglaubliche Ausflüge auf den Schultern eines großen Vogels. Gleiten über Seiten ... Peter lacht: „Das reimt sich!“

Peter und der Doppelkorn - beschwingt hinein in das Unvermeidliche ... das neue Jahr ... 2026 nach Christi ... vernebelt ... unklare Gedanken ... unverbindliche Vorstellungen ... Schwüre ... Ideen ... Wie die liebe Zeit vergeht und wie die einst so kleinen Bäume plötzlich in den Himmel hineinwachsen! Es wird schon alles gut werden. Die Sterne stehen gut und Dederon-Rita gibt heute Abend allen einen aus - so verdammt jung kommen wir nicht noch einmal zusammen! 

Alles Gute der werten Leserschaft!